jetzt

 

und | jetzt | schauen wir täglich auf Bilder.

Wir haben kaum eine | keine Chance, den Alltag ohne medial gesteuerten Blick auf (Ab-)Bilder zu gestalten. Aber am Anfang war die Malerei ein exklusives Privileg, dem Adel, dem Klerus und dem gehobenen Bürgertum vorbehalten.
Hier liegt also aller Bilder Anfang.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Herkunft der Chiffren und bin in der Zeit zurückgereist. Mein Interesse an den Geschichten, die diese Bilder vordergründig erzählen, die Posen, die ihre Protagonistinnen einst einnahmen, die Geschlechterrollen, die sie damals bildhaft verkörperten, und die formale Andersartigkeit dieser Bildsprache im Gegensatz zur gegenwärtigen waren der Beginn.

Die ersten AQUARELLE entstanden. Hier hat Farbe ein Eigenleben – oft tut sie, was sie will. Das Bild, das im Werden ist, orientiert sich am formalen Rahmen, und der Farbverlauf gibt den Ausdruck.

Die ÖLFARBE dagegen ist immer zu kontrollieren. So entstanden zunächst Bilder, die noch nah am Original waren. Schicht um Schicht habe ich den Modellen nachgespürt. Je länger ich diese jungen Frauen betrachtete, veränderte sich mein „Bild“ von ihnen.

Die Erfindung der Coolness würde ich nach diesen Erfahrungen nicht mehr in der Mitte des 20. Jahrhunderts verorten, sondern irgendwann im Barock. Junge Frauen, die durchaus dem heutigen Schönheitsideal entsprechen, stellen Madonnen, Heilige und Gestalten der Mythologie dar, sie tun das selbstverständlich und selbstbewusst. Manchmal mit hintergründigem Lächeln oder in einer eher gleichgültig wirkenden Pose.

Waren sie professionelle Modelle? Beim Besuch der staatlichen Sammlungen Schwerin fiel mir auf einigen Bildern verschiedener niederländischer Maler die Ähnlichkeit einer bestimmten, immer wiederkehrenden Frauenfigur auf.

Inzwischen zweifele ich an dem Wissen, das ich über die Menschen früherer Epochen zu haben glaubte. Geschichte überliefert die Sicht der Herrschenden und verschweigt alles darüber hinaus, alles, was dem nicht konform geht. Aber die Bilder, die Bilder erzählen gerade das – still und anarchisch.

Annette Wirtz